Thüringer Allgemeine vom 27.11.2020
Die Jugendberufsförderung trotzt der Corona-Krise. 158 Azubis in 26 Berufen
Von Michael Keller
Erfurt. Im hauseigenen Restaurant, der Heimstatt der Azubis der Jugendberufsförderung (JBF), die sich der Gastronomie verschrieben haben,
wird - natürlich mit Abstand - serviert der 19-jährige Max Rösler die Getränke zum Essen. Alles scheint auf den ersten Blick normal. Nur die großen Abstände zwischen den Hausgästen fallen auf.
Die Ausbildung läuft weiter, auch wenn die Castro-Azubis momentan wenig Licht am Himmel sehen. Ihre Branche ist stark betroffen. Dennoch hat JBF-Chef Axel Stellmacher eine gute Nachricht zu verkünden. Eigentlich sollte nächste Woche der traditionelle Weihnachtsmarkt der Erfurter Jugendberufsförderung (JBF) im Storchmühlenweg 18 a starten. Wird er auch. Nur, in diesem Jahr ist alles anders.
Ganz darauf verzichten wollten die JBFler auf keinen Fall, kommt doch der Erlös dem Kinderhospiz in Tambach-Dietharz zu Gute. Und es ist auch alljährlich eine Leistungsschau der Auszubildenden. So wurde also improvisiert. Es heißt in diesem Jahr „Adventsverkauf" und zieht sich vom 1. bis 17. Dezember hin. Am 1., 8. und 15. Dezember jeweils von 15 bis 18 Uhr, am 3., 10. und 17. Dezember von 13 bis 16 Uhr. ,;wir wollten verhindern, dass sich die Besucher auf unserem Gelände ballen", sagt JBF-Chef Axel Stellmacher. Auch gibt es nicht, wie all die Jahre zuvor, Versorgung mit Speisen und Getränken, es gibt keine Tombola, keinen Kreativmarkt.
Bei diesem „Schnäppchenmarkt für Weihnachtsschlaufüchse" wird es wie immer Dinge aus der Holz und Metallbearbeitung geben, die nicht so alltäglich sind. Hineinschauen lohnt sich.
Zehn Quadratmeter pro Lehrling sind im Unterricht machbar
Dass die Jugendberufsförderung ,,mit einem blauen Auge", wie. Stellmacher sagt, in dieser Corona-Zeit über die Runden kommt, hat viel mit dem Engagement der Leute in der Einrichtung zu tun. Schließlich haben ihre Azubis, Menschen mit Behinderungen, einen etwas anderen Zugang zu Lehrinhalten. Die Corona-Zukunftsangst ist spürbar. sagt der Chef. Jetzt geht man im zweiten Lockdown wieder verstärkt zur häuslichen Aufgabenbetreuung über. Aber man habe gegenüber dem im Frühjahr nun den Vorteil, dass man Wechselunterricht anbieten könne. Größere Abstände in den Räumen machen es möglich. Die Gruppengrößen werden beim Präsenzunterricht angepasst.
Zehn Quadratmeter pro Lehrling sind machbar. Die Lehrkräfte fahren doppeltes Pensum oder verändern die Unterrichtsinhalte.
Schlagen die Umstände der Pandemie auf die Ausbildung durch? Nein. Axel Stellmacher ist erleichtert, dass die Prüfungen von Juni bis August mit sehr guten Ergebnissen über die Bühne gingen. 45 Prüflinge traten an, 44 schafften es im ersten Anlauf, einer im zweiten. ,,Unsere Leute haben einen tollen Job gemacht, einen Qualitätsabfall gab es nicht", lobt der Chef. Muss aber zugestehen, dass die Pandemie zu Problemen bei der Vermittlungen der Absolventen in den Arbeitsmarkt nicht mehr so einfach sei. Den Schülern mit Behinderung seien die besonderen Lernumstände zwar anzumerken, so Stellmacher, aber nur in Einzelfällen gebe es Verhaltensprobleme, mangelnde Aufmerksamkeit. Einige seien ausgeschert, kämen nicht mehr zur Ausbildung. Leider sei die berufliche Orientierung, die man für Schüler mit Förderbedarf in den 7. und 8. Klassen anbiete, dieses Jahr ganz weggefallen. Was perspektivisch Auslastungsprobleme geben könnte. ,,Es erwischt einen ganzen Jahrgang", sagt der JBF-Chef.
Schwarze Null wird für 2020 noch angepeilt
Auch die hochgelobte Catering-Strecke, für die die Azubis ausgebildet werden, ist im Lockdown zusammengebrochen. Das macht sich in der Kasse negativ bemerkbar. Dennoch sagt Stellmacher, ganz Optimist: ,;wenn es gut läuft, schaffen wir 2020 trotzdem noch ein schwarze Null".
Das besondere JBF-Ausbildungssystem sei inzwischen anerkannt und werde finanziell gefördert. Deshalb habe man auch keine Kurzarbeit für die 60 Beschäftigten einführen müssen. ,,Entscheidend für uns wird sein, dass wir die Abbrecherquote niedrig halten. Weil sonst unser ganzes Finanzierungssystem implodiert", sagt Stellmacher. Corona-Fälle hat man zum Glück keine gehabt.
Derzeit sind 158 Azubis in 26 Berufen aus sechs Branchen Gastronomie, Hauswirtschaft, Metall-, Holz-, und Farbtechnik, Wirtschaft/ Verwaltung in der Ausbildungsstätte Storchmühlenweg tätig. Ungefähr 40 kommen noch in Firmen dazu. 35 befinden sich in der Berufsvorbereitung. Es geht weiter. Das ist die gute Nachricht.