Das finanzielle Veilchen aus 2020 leuchtet auch heute noch

Thüringer Allgemeine (Kreis Erfurt) vom 15.05.2021

Jugendberufsförderung betreut trotz Corona 150 junge Menschen mit Lernbehinderung

Von Michael Keller

Erfurt „Im November 2020 waren wir mit einem blauen Auge davon gekommen. Das finanzielle Veilchen leuchtet auch heute noch, aber wir kommen wohl durch, denn wir haben gut gewirtschaftet. Das rettet uns." Axel Stellmacher, der Geschäftsführer der Jugendberufsförderung Erfurt JBF) nimmt es trotz des Ernstes der Situation mit Humor. 150 Auszubildende in der wohnortnahen beruflichen Rehabilitation - eine Erfurter Erfindung - gehen in seine Einrichtung, um einen von derzeit 24 möglichen Berufen zu erlernen. 60 weitere Lehrlinge sind in der Wirtschaft praxisnah untergebracht.
Es gab schon bessere Zeiten, zweifelsohne. Mit 300 Azubis in 30 Berufen. Aber bei der JBF hat man gelernt, mit der Situation demütig umzugehen. ,,Es läuft, trotz Corona", sagt Stellmacher. Man habe sogar einen neuen Beruf im Angebot: Fachpraktiker für Gastgewerbe, ein theoriereduzierter Beruf. Seit Ostern erhole man sich vom zweiten Lockdown, hole nach und nach alle Schäfchen wieder in die Ausbil- dung zurück.
Zwei Mal pro Woche werden alle im JBF getestet - auch die, die sich in der Prüfungsphase befinden. Man habe, so Stellmacher, noch Glück im Pandemie-Unglück gehabt. Nur vier Mitarbeiter seien von Corona betroffen gewesen. Insgesamt habe man sechs Fälle gehabt. Alle seien glimpflich ausgegangen.
Leider habe man in dieser für alle so schwierigen Zeit drei Azubis durch Kündigung verloren. Fehlende Motivation, schwieriges soziales Umfeld. Und in der Berufsvorbereitung zeigten sich große theoretische Verluste. „Wir geben unser Bestes,das wieder aufzuholen", sagt der JBF-Chef und schiebt seinem langjährigen Vorgänger Hans-Joachim Beder einen Kaffee über den Schreibtisch. Im Februar habe man sechs junge Leute in der Metallbearbeitung zur Prüfung vorgestellt. Alle hätten bestanden und eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt bekommen. Das sei ein Grund, stolz auf die Arbeit der Kollegen im JBF zu sein, sagt Stellmacher.
Hilfe vom Staat gibt es für diese Ausbildungsform nicht. Aber die Finanzierung der Ausbildung für junge Menschen mit Lernbehinderung laufe weiter. Die Erfolge zeigten, es sei kein rausgeworfenes Geld. Dennoch, es drücke aufs Gemüt, dass junge Menschen mit Lernbehinderung seit einem Jahr durch die Berufsberatung nicht mehr richtig vorbereitet würden. Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit suche man sich die Neulinge nun selber.

Vor nunmehr fast 30 Jahren starteten fünf Leute das Projekt
Ansonsten steuert die Bildungseinrichtung auf ihren 30. Geburtstag im Herbst zu. ,,Am 2. September 1991 erfolgte der scharfe Start unserer Berufsausbildung, damals aber nur im Fach Metalltechnik", erinnert sich der JBF-Gründer HansJoachim Beder. Fünf Mitarbeiter - vier ABMler und er als Chef, alle beim Polytechnischen Zentrum der Umformtechnik gekündigt- gingen das Wagnis ein und begründeten das Fundament einer Erfolgsgeschichte. Es lief holprig an, aber es funktionierte. Er habe damals aber wegen großer Zweifel manche unruhige Nacht gehabt, gibt Beder zu. Nach fünf Jahren war klar, das hat eine langfristige Zukunft. Fördergelder habe man beantragt, aber nie bekommen. Bis heute habe es nicht einen Kredit gegeben. Aber es sei letztlich auch ohne gegangen.