Thüringer Allgemeine vom 13.11.2020:
Die alte IL 18 kommt ihrem Ziel als fliegendes Klassenzimmer immer näher. Neue Erfahrung für Auszubildende
Von Anja Derowski
Erfurt. Als die Maschine zu ihrer letzten Landung ansetzte, waren se noch nicht mal geboren: die Auszubildenden in der Jugendberufsförderung Erfurt. Und nun, an diesen grauen Novembertagen, während der Nebel über die Landebahn kriecht, machen sie die alte Iljuschin-Passagiermaschine wieder flott. Vielen ist sie eher als IL 18 bekannt. Seit einigen Jahren steht sie auf dem Erfurter Flughafen, irgendwann wird sie das fliegende Klassenzimmer sein.
Zwölf Lehrlinge, die zum Bauten- und Objektbeschihter ausgebildet werden, verbrachten die vergangene und diese Woche in dem Flugzeug. Wirklich warm ist es nicht, die Arbeit erfolgt meist über Kopf, mit Anzug, Maske und Handschuhen, es ist anstrengend. „Wir haben den Weißrost vom Aluminium entfernt, die alte lose Grundierung weg gemacht“, erklärt Ausbilder Hartmut Rothe. Einfach mit einer Abbrennpistole loslegen war nicht möglich.
Stadtwerke engagieren sich als Sponsor
„Die Wand ist sehr dünn. In der Außenhaut hätten sich Blasen gebildet, sie wäre abgegangen.“ Auch ein Schwingschleifer erzeugt Wärme, also blieb letztlich nur der Akkuschrauber mit einem Aufsatz aus weichen Bürsten. „All diese Gefahren müssen die Jugendlichen kennenlernen. Das Flugzeug ist ein guter Ort, um Erfahrungen zu sammeln“, sagt Hartmut Rothe.
Es is die erste Kooperation zwischen der Jugendberufsförderung und dem Förderverein Spiel- und Freizeitplätze der Generationen in Erfurt, der das Projekt Fliegendes Klassenzimmer ins Leben gerufen hat und betreut. Axel Stellmacher ist der Geschäftsführer der Jugendberufsförderung, er meint, diese Aufgabe passe gut in den Ausbildungslehrplan und so habe er der Zusammenarbeit mit Winfried Wehrstedt, dem Vereinsvorsitzenden, zugestimmt.
Die nächste Aufgabe wäre das Aufbringen des Innenanstrichs. „Allerdings ist es dafür nun zu kalt. Das müssen wir im Frühjahr machen“, meint Hartmut Rothe. Eine der Auszubildenden ist Nathaly Hofschlag (19 Jahre). Sie ist im ersten Lehrjahr und zufrieden mit dieser Tätigkeit. „Es ist mal was anders, in einem Flugzeug zu arbeiten, unter erschwerten Bedingungen“, meint sie.
In etwa zwei bis drei Jahren soll das Flugzeug ein Kultur- und Bildungsprojekt der besonderen Art sein. Dann können hier Kinder und Jugendliche auf virtuelle Entdeckungsreise gehen. Bei diesem Bildungsvorhaben wird Winfried Wehrstedt neuerdings von den Stadtwerken unterstützt. Sie sind seit diesem Jahr Sponsor. „Wir haben das Projekt Bildung am anderen Ort, da bietet sich eine Schnittstelle zum Lernen im Flugzeug“, sagt Steffi Becker von den Stadtwerken.
Vor allem mit Blick auf die Entwicklung der App, die später die virtuelle Reise ermöglichen soll, ist die Kooperation immens wichtig. „Ich bin froh und dankbar, dass die Stadtwerke und die Jugendberufsförderung unser Projekt unterstützen“, sagt Winfried Wehrstedt und nennt die Arbeiten, die im kommenden Jahr und 2022 anstehen: Isolierung von innen, Beplankung, Heizung, Lüftung, Sanitär, Sitzeinbau und Fertigstellung der App. Einen Wunsch hätten die Jugendlichen übrigens, jetzt wo sie Tag für Tag im Flugzeug waren: eine Führung auf dem Erfurter Flughafen.